Gestern jährte sich die
Weltpremiere von
»Blue Velvet« von David Lynch in Kanada auf dem Montréal World Film Festival zum
40. Mal. Von der Kritik wurde das Werk überwiegend sehr positiv aufgenommen, sorgte aber auch für einige Festival-Eklats. An den Kinokassen spiegelte sich das Kritiker-Credo zunächst nicht wider, doch der Streifen reifte auch in der Gunst des Publikums weiter, gilt heute als einer der großen
Klassiker der 1980er-Jahre und zählt zu den Filmen, die man unbedingt gesehen haben muss.
Man kann »Blue Velvet« einfach nur als
Thriller konsumieren, doch unter seiner Oberfläche steckt eine Menge mehr. Bei genauem Hinsehen entfaltet sich eine Geschichte voller Traumlogik und Tiefe, die zur
Interpretation oder auch einfach nur zum
Abtauchen in eine abwegige Welt einlädt.
Bereits die ersten Bilder ziehen uns in ihren Bann: blauer Samt ... auf der Tonspur ertönt das Lied »Blue Velvet«, gesungen von Bobby Vinton, dazu ein tiefblauer Himmel, ein strahlend weißer Gartenzaun und blutrote Rosen. Diese drei Farben finden sich nicht zufällig auch auf der Flagge der
Vereinigten Staaten wieder.
Ein altes Feuerwehrauto mit einem freundlich winkenden Feuerwehrmann fährt in Zeitlupe vorüber. Es wirkt, als befänden wir uns in einem
Heile-Welt-Gemälde von Norman Rockwell. Ein übergewichtiger Mann bewässert mit dem Gartenschlauch seinen Rasen. Kurz darauf bricht er unter Schmerzen zusammen. Hilflos liegt er im Gras, den Schlauch noch immer in der Hand. Ein Kleinkind im Hintergrund und ein kleiner Hund, der mit dem Wasserstrahl des Schlauches spielt, sorgen dafür, dass die Stimmung trotz des Unfalls noch in der versöhnlichen Rockwell-Stimmung bleibt.
Dann taucht die Kamera ins Gras und Erdreich ab, und schon wird der Bildausschnitt von Insekten und schwarzen Käfern bevölkert. Die Großaufnahme lässt sie wie Monster wirken. Eine
verborgene Unterwelt, die unter der Idylle lauert. Und ein Vorgeschmack auf die Hölle, die dem Protagonisten Jeffrey bevorsteht.
Weil sein Vater (der Mann im Garten) eine Wirbelkörperfraktur erlitten hat, lässt sich der junge
Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan) für einige Wochen vom College beurlauben und kehrt in seinen Heimatort, die Kleinstadt
Lumberton in North Carolina, zurück, um seinen Vater im Krankenhaus zu besuchen und im Familiengeschäft auszuhelfen.
Auf dem Rückweg vom Krankenhaus findet er ein
menschliches Ohr auf einem Brachgelände. Er übergibt es dem Polizisten
Detective John Williams (George Dickerson), der in der Nachbarschaft wohnt. Durch den Fund ist Jeffreys Neugier geweckt, und er beginnt
selbst nachzuforschen. Hilfe erhält er von
Sandy Williams (Laura Dern), der Tochter des Polizisten.
Durch sie kommt er auf die Spur der
Nachtclub-Sängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini). Er beobachtet kurz darauf, wie der
Psychopath Frank Booth (Dennis Hopper) Dorothy vergewaltigt. Jeffrey erfährt, dass Frank Dorothys Ehemann und ihren Sohn entführt hat und gefangen hält. Das Ohr, das Jeffrey gefunden hat, stammt von Dorothys Mann ...
Die Geschichte steckt voller
Symbolik, ödipaler Konstellationen, Sex und Gewalt – ein albtraumhaftes Yin und Yang aus heiler Oberfläche und der darunter verborgenen Unterwelt. Die Handlung und ihre vieldeutigen Bilder können in viele Richtungen interpretiert werden, und man kann Stunden mit dem Versuch verbringen, ihre möglichen Bedeutungen zu entschlüsseln.
Kyle MacLachlan und Laura Dern machen eine gute Figur und sind toll besetzt, doch Isabella Rossellini und mehr noch Dennis Hopper dominieren ihre Szenen vollkommen. Hopper gibt einen der ekelhaftesten Schurken des Kinos der 1980er-Jahre. Der geflügelte Ausdruck
"The Man We Love to Hate" wird ihm dabei kaum noch gerecht.
Im Streaming ist »Blue Velvet« derzeit nicht zu sehen. Aber er sollte ohnehin in keiner gut sortierten
Filmsammlung fehlen. Falls Ihr ihn noch nicht habt, sei die vor etwa einem halben Jahr erschienene
4K-Version von Plaion Pictures empfohlen. Ein Vorgeschmack:
https://youtu.be/jMo2oI-m6ak